Warum es nicht um Techniken geht, sondern um die Begegnung

Laura Perls, eine der Begründerinnen der Gestalttherapie, betonte, dass Gestalttherapie keine Ansammlung von Techniken sei – vielmehr bringe sich der Therapeut als ganzer Mensch ein, mit all seiner Erfahrung und Fachkompetenz.

Die Gestalttherapie zeichnet sich durch eine besondere Haltung aus. Und durch etwas, das im Deutschen schwer in ein passendes Wort zu fassen ist: Gewahrsein.

Was Gewahrsein bedeutet

Im Englischen heißt es „awareness“. Manche Übersetzungen sprechen von Bewusstheit oder Bewusstsein, aber beides trifft es nicht ganz. Awareness beschreibt ein waches, aufmerksames Spüren dessen, was gerade da ist und ebenfalls eine Sensibilisierung für das, was ist. Nicht das passive Aufnehmen von Eindrücken, aber auch nicht das aktive Einordnen und Bewerten, das wir oft mit Bewusstsein verbinden. Eher ein Dazwischen: Ich nehme wahr und weiß zugleich, dass ich wahrnehme, ich bin im gegenwärtigen Moment und mir meiner Selbst dabei ganz bewusst.

Wenn wir nur wahrnehmen, geschieht etwas mit uns, ohne dass wir es bemerken. Wenn wir uns einer Sache bewusst sind, haben wir sie oft schon in unsere Konzepte eingepasst. Gewahrsein öffnet nochmal einen anderen Raum: aufmerksam und offen zugleich sein, ohne vorschnell zu urteilen.

Fritz Perls beschrieb es so: „Gewahrsein ist freies Erspüren dessen, was in dir auftaucht, was du tust, fühlst oder vorhast. Sie ist ein Grundelement und eine umfassende Ganzheit. Ohne Bewusstheit gibt es keine Kenntnis einer Wahlmöglichkeit.“ (aus: Fritz Perls: Grundlagen der Gestalttherapie. Einführung und Sitzungsprotokolle, Pfeiffer Verlag 1976)

Solange wir nicht bemerken, was wir tun und fühlen, können wir es nicht verändern. Wir bleiben gefangen in automatischen Mustern, in Reaktionen, die einmal sinnvoll waren und es vielleicht längst nicht mehr sind. Das Gewahrsein öffnet einen Raum, in dem eine Wahl möglich wird.

Die Kunst des Hier und Jetzt

Ein Grundprinzip der Gestalttherapie ist die Hinwendung zur Gegenwart. Das klingt einfach und ist doch eine der schwierigsten Übungen überhaupt. Wie oft sind wir mit unseren Gedanken in der Vergangenheit, grübeln über das, was war, was wir hätten anders machen sollen? Wie oft sind wir in der Zukunft, planen, sorgen uns, malen uns aus, was kommen könnte?

Ein zentraler Gedanke von Laura Perls lautet sinngemäß: Was immer existiert, ist hier und jetzt. Die Vergangenheit ist gegenwärtig als Erinnerung, die Zukunft als Erwartung oder Hoffnung.

Das bedeutet nicht, dass die Vergangenheit unwichtig wäre. Aber die Gestalttherapie fragt nicht in erster Linie: Warum ist das so geworden? Sie fragt: Was ist jetzt gerade da? Was spüren Sie in diesem Moment? Welche Gefühle tauchen auf, wenn Sie davon erzählen?

Die Annahme dahinter ist: Nur im Hier und Jetzt können wir wirklich handeln. Nur in der Gegenwart können wir etwas verändern.

Begegnung statt Behandlung

Was die Gestalttherapie von vielen anderen Ansätzen unterscheidet, ist ihr Verständnis von Therapie als Begegnung. Auch wenn die Therapeutin die fachliche Ausbildung hat – es begegnen sich zwei Menschen, jeder mit seiner Geschichte, seiner Erfahrung, seinen Lösungsansätzen.

Der Philosoph Martin Buber, der Laura Perls stark beeinflusst hat, unterschied zwischen zwei Arten von Beziehung: der Ich-Du-Beziehung und der Ich-Es-Beziehung. In der Ich-Es-Beziehung wird das Gegenüber zum Objekt. Man beobachtet, analysiert, kategorisiert. In der Ich-Du-Beziehung begegnet man einem Menschen in seiner ganzen Einzigartigkeit, ohne ihn auf Konzepte zu reduzieren. (Martin Buber: Ich und Du, Insel Verlag 1923)

Die therapeutische Beziehung in der Gestalttherapie will eine Ich-Du-Beziehung sein. Das heißt nicht, dass keine Fachkenntnisse einfließen. Aber die Therapeutin bringt sich als ganzer Mensch ein, nicht nur als Funktionsträgerin.

Techniken als Einladungen

Natürlich gibt es in der Gestalttherapie bestimmte Methoden und Vorgehensweisen. Die Arbeit mit dem leeren Stuhl oder mit Körperwahrnehmungen. Aber diese Techniken sind keine Rezepte, die man einfach anwendet. Sie sind Einladungen, die aus der Situation heraus entstehen.

Fritz Perls schrieb: „Ich akzeptiere niemanden als kompetenten Gestalttherapeuten, solange er noch Techniken benützt. Wenn er seinen eigenen Stil nicht gefunden hat, wenn er sich selbst nicht ins Spiel bringen kann und den Modus, den die Situation verlangt, nicht der Eingebung des Augenblicks folgend erfindet, ist er kein Gestalttherapeut.“ (Fritz Perls, Grundlagen der Gestalttherapie, 1976)

Das ist ein hoher Anspruch. Und doch beschreibt es etwas Wesentliches. Die Technik allein ist „leer“. Sie bekommt erst Leben durch die Beziehung, durch den Kontakt, durch das, was zwischen zwei Menschen entsteht.

Kontakt mit sich selbst und der Welt

Gestalttherapie lässt sich vielleicht so zusammenfassen: wieder in guten Kontakt zu kommen. Mit sich selbst, mit den eigenen Gefühlen und Bedürfnissen, mit dem eigenen Körper. Und mit anderen Menschen, mit der Welt.

Viele der Schwierigkeiten, mit denen Menschen in die Therapie kommen, haben mit gestörtem Kontakt zu tun. Wir haben gelernt, bestimmte Gefühle nicht zu spüren, bestimmte Bedürfnisse zu unterdrücken. Wir haben uns von Teilen unserer selbst abgeschnitten, weil sie einmal nicht erwünscht waren. Wir gehen in Beziehungen mit alten Mustern, die einmal sinnvoll waren und es längst nicht mehr sind.

Die Gestalttherapie lädt ein, diese Muster zu erforschen. Nicht um sie zu verurteilen, sondern um sie zu verstehen. Sie waren einmal kreative Anpassungen an schwierige Situationen. Sie haben geholfen zu überleben. Und jetzt, in einer neuen Situation, dürfen vielleicht auch neue Möglichkeiten entstehen.

Eine Einladung zur Präsenz

In der therapeutischen Arbeit geht es darum, diese Haltung zu verkörpern. Präsent zu sein. Wahrzunehmen, was gerade ist, ohne es sofort einordnen zu wollen. Dem Gegenüber wirklich zu begegnen. Und darauf zu vertrauen, dass in diesem Kontakt etwas entstehen kann, das keiner der Beteiligten allein hervorbringen könnte.

Wenn sich ein Mensch gesehen und verstanden fühlt, kann er wieder in Kontakt mit sich selbst kommen. Er kann wieder spüren, was er braucht und mutig werden für sein eigenes Leben.

Das ist Gestalttherapie. Nicht eine Sammlung von Techniken. Sondern eine Haltung. Eine Art, in der Welt zu sein und anderen Menschen zu begegnen. Eine Kunst des Hier und Jetzt.

Mehr über Gestalttherapie in meiner Praxis erfahren.

Wenn Sie spüren, dass dieser Ansatz zu Ihnen passen könnte, lade ich Sie herzlich zu einem kostenlosen Erstgespräch ein. Unverbindlich und in geschütztem Rahmen können wir herausfinden, ob der Weg der Gestalttherapie für Sie der richtige sein könnte.

Quellenverzeichnis

Buber, Martin (1923): Ich und Du. Leipzig: Insel Verlag.

Perls, Fritz (1976): Grundlagen der Gestalttherapie. Einführung und Sitzungsprotokolle. München: Pfeiffer Verlag.

Perls, Laura (1989): Leben an der Grenze. Essays und Anmerkungen zur Gestalttherapie. Köln: EHP Verlag.