Sie kommen nach Hause und fühlen sich erschöpft – nicht körperlich, sondern innerlich. Als hätten Sie den ganzen Tag einen Schwamm in sich getragen, der alles aufgesogen hat: Stimmungen, Geräusche, die Anspannung im Büro, das grelle Licht im Supermarkt.

Ich kenne dieses Gefühl gut. Lange Zeit dachte ich, mit mir stimmt etwas nicht. Warum brauchte ich nach einem „normalen“ Tag so viel Rückzug?

Heute weiß ich: Mein Nervensystem nimmt mehr Reize auf – und braucht deshalb auch mehr Zeit zur Verarbeitung. Das ist keine Schwäche. Es ist eine andere Art, in der Welt zu sein.

Und vielleicht kennen Sie auch die Erleichterung, die sich einstellt, sobald Sie einen Wald betreten.

Die Natur als Mittherapeutin

Haben Sie schon einmal bemerkt, wie sich Ihre Atmung vertieft, wenn Sie zwischen Bäumen stehen? Wie Ihre Schultern sich senken? Wie Ihre Gedanken langsamer werden?

Das ist kein Zufall. Unser Nervensystem ist für die Natur gemacht – nicht für Großraumbüros, nicht für Bildschirme, nicht für den permanenten Strom aus Nachrichten und Anforderungen. In der Natur kommt unser System zur Ruhe, weil es dort endlich das findet, wofür es gebaut wurde: Weite statt Enge. Rhythmus statt Hektik. Stille statt Lärm.

Für hochsensible Menschen ist dieser Effekt noch verstärkt. Ihr feiner abgestimmtes Nervensystem reagiert intensiver auf Reize – und findet in der Natur genau die Entlastung, die es braucht.

Warum der Wald besonders gut tut

In Japan gibt es eine lange Tradition des Shinrin-yoku – wörtlich: Waldbaden. Gemeint ist kein Sport, keine Wanderung mit Ziel, sondern ein absichtsloses Eintauchen in die Waldatmosphäre. Langsam gehen. Stehenbleiben. Wahrnehmen.

Der Wald bietet etwas, das in unserem Alltag selten geworden ist: eine Umgebung, die nichts von uns will. Keine Bildschirme, die um unsere Aufmerksamkeit buhlen. Keine Erwartungen, denen wir entsprechen müssen. Keine Termine, die uns hetzen.

Stattdessen: Das Rauschen der Blätter. Der Geruch von Moos und Erde. Das Spiel von Licht und Schatten. Dinge, die einfach da sind – ohne etwas zu fordern.

Für Menschen, die ständig auf Empfang sind, ist das eine tiefe Erholung.

5 Übungen für hochsensible Menschen in der Natur

Die folgenden Übungen sind bewusst einfach gehalten. Sie brauchen keine Vorkenntnisse, keine Ausrüstung, nur ein wenig Zeit und die Bereitschaft, sich einzulassen.

1. Ankommen mit allen Sinnen

So geht’s: Suchen Sie sich einen ruhigen Platz im Wald. Bleiben Sie stehen oder setzen Sie sich. Dann widmen Sie jedem Ihrer Sinne fünf Minuten Aufmerksamkeit:

  • Hören: Schließen Sie die Augen. Welche Geräusche erreichen Sie? Ferne und nahe? Laute und leise?
  • Sehen: Öffnen Sie die Augen. Schauen Sie, ohne zu suchen. Was fällt in Ihren Blick?
  • Fühlen: Spüren Sie die Luft auf Ihrer Haut. Den Boden unter Ihren Füßen. Die Temperatur.
  • Riechen: Atmen Sie tief ein. Welche Düfte nehmen Sie wahr?
  • Schmecken: Manchmal lässt sich die Waldluft schmecken. Frisch? Harzig? Erdig?

Diese Übung holt Sie aus dem Gedankenkarussell in den gegenwärtigen Moment. Hochsensible Menschen neigen dazu, viel zu verarbeiten. Diese Übung gibt dem Geist eine Pause, indem sie die Aufmerksamkeit auf das Einfache lenkt.

2. Wurzeln finden – eine Erdungsübung

So geht’s: Stellen Sie sich aufrecht hin, die Füße hüftbreit auseinander. Schließen Sie die Augen. Stellen Sie sich vor, wie aus Ihren Fußsohlen Wurzeln wachsen – tief in die Erde hinein. Mit jedem Ausatmen wachsen sie tiefer. Mit jedem Einatmen nehmen Sie Kraft aus der Erde auf.

Bleiben Sie einige Minuten in dieser Vorstellung. Spüren Sie, wie Ihr Stand fester wird. Wie Sie getragen werden.

Diese Übung stärkt das Gefühl von Standfestigkeit. Sie erinnert den Körper daran: Ich habe Boden unter den Füßen. Ich bin hier. Ich bin stabil.

3. Der Baum als Spiegel

So geht’s: Wählen Sie einen Baum, der Sie anspricht. Betrachten Sie ihn eine Weile. Dann stellen Sie sich folgende Fragen:

  • Wie steht dieser Baum? Aufrecht? Schief? Hat er sich dem Wind angepasst?
  • Was hat er überstanden? Stürme? Trockenheit? Verletzungen?
  • Was strahlt er aus? Stärke? Ruhe? Widerstandskraft?
  • Was könnte er Ihnen mitteilen, wenn er sprechen könnte?

Schreiben Sie auf, was Ihnen dazu einfällt – oder lassen Sie es einfach wirken.

Oft finden wir in der Natur Bilder für das, was in uns vorgeht. Der Baum, der trotz Narben weiter wächst, kann uns daran erinnern, dass auch wir widerstandsfähiger sind, als wir denken.

4. Sorgen loslassen

So geht’s: Sammeln Sie einige Blätter oder kleine Äste. Während Sie jedes einzelne in die Hand nehmen, denken Sie an etwas, das Sie gerade belastet. Ein Gedanke, eine Sorge, eine Anspannung.

Dann schütteln Sie sich – buchstäblich. Wie ein Hund nach dem Schwimmen. Schütteln Sie Arme, Beine, den ganzen Körper. Lassen Sie die Blätter dabei fallen.

Klingt albern? Probieren Sie es aus.

Anspannung sitzt nicht nur im Kopf, sondern auch im Körper. Diese Übung kann beides gleichzeitig verändern. Das Schütteln aktiviert das Nervensystem und signalisiert: Gefahr vorbei. Du darfst dich entspannen.

5. Stille Begleitung – achtsames Gehen

So geht’s: Gehen Sie langsam. Viel langsamer, als Sie es gewohnt sind. Spüren Sie jeden Schritt: wie sich der Fuß hebt, wie er sich senkt, wie der Boden Sie trägt.

Gehen Sie ohne Ziel. Kein Ort, an dem Sie ankommen müssen. Kein Tempo, das Sie halten müssen. Nur Schritt für Schritt.

Wenn Gedanken kommen, lassen Sie sie kommen. Und lassen Sie sie wieder gehen. Wie Wolken, die am Himmel vorbeiziehen.

Hochsensible Menschen denken viel. Diese Übung unterbricht das gewohnte Muster, indem sie die Aufmerksamkeit auf etwas Einfaches, Körperliches lenkt. Der langsame Rhythmus kann das Nervensystem zur Ruhe kommen lassen und schafft Raum für innere Stille.

Hochsensibilität: Anders wahrnehmen, tiefer fühlen

Lange Zeit habe ich meine Sensibilität als Problem gesehen. Als etwas, das ich überwinden müsste, um „normal“ zu funktionieren. Erst mit der Zeit habe ich verstanden: Es geht nicht darum, weniger zu fühlen. Es geht darum, gut für mich zu sorgen.

Hochsensible Menschen – etwa 15-20% der Bevölkerung – verarbeiten Sinneseindrücke intensiver. Das bedeutet: Sie bemerken Nuancen, die anderen entgehen. Sie spüren Stimmungen, bevor sie ausgesprochen werden und brauchen zumeist mehr Rückzug und Zeit, um das Erlebte zu verarbeiten.

Das kann anstrengend sein. Aber es ist auch ein Geschenk – diese ganzen feinen Nuancen wahrnehmen zu können.

Die Natur bietet dafür einen besonderen Raum. Hier gibt es keine sozialen Erwartungen, keine Reizüberflutung, keinen Lärm. Nur das, was ist: Wind, Licht, der Geruch von Erde. Dinge, die unser Nervensystem kennt und die es beruhigen.

Die Natur als Anker

“Manchmal fühlt es sich an, als würde mir die schützende Haut fehlen“ – so habe ich wörtlich mit 16 Jahren in mein Tagebuch geschrieben, lange bevor ich wusste, dass es einen Namen für dieses Phänomen gibt. Die Natur war in vielen Momenten mein Anker. Als ein sicherer Ort, an dem ich auftanken kann. Heute verstehe ich: Das war kein Zufall. Mein Nervensystem wusste intuitiv, was es brauchte. Die Weite, die Stille, den Blick auf blühende Wiesen und sonnendurchfluteten Wald gerichtet.

In meiner therapeutischen Arbeit verbinde ich diese persönliche Erfahrung mit fundierten Ausbildungen. Naturtherapeutische Methoden sind für mich kein Zusatz – sie sind ein wesentlicher Teil dessen, was ich anbiete. Besonders für Menschen, die viel wahrnehmen und fühlen.

Neugierig geworden?

Wenn Sie spüren, dass die Natur ein Weg für Sie sein könnte, lade ich Sie herzlich zu einem kostenlosen Erstgespräch ein. Gemeinsam können wir herausfinden, wie naturtherapeutische Methoden Ihren persönlichen Prozess unterstützen können.