Werden, wer Sie sind
Sie strengen sich an, versuchen immer wieder ein anderer Mensch zu sein. Disziplinierter, gelassener und mutiger. Trotz dieser Anstrengungen, verändert sich nichts wirklich oder nur für kurze Zeit. Dieses frustrierende Gefühl, gegen sich selbst anzukämpfen, kennen viele Menschen. Und genau hier setzt die Gestalttherapie mit einer überraschenden Einsicht an:
Veränderung passiert nicht, indem Sie versuchen, jemand anderes zu werden. Sondern indem Sie vollständig werden, wer Sie sind.
Das klingt erstmal paradox und widersprüchlich.
Die Geschichte einer rebellischen Idee
Es waren die 1940er Jahre, als Fritz und Laura (Lore) Perls, beide ursprünglich Psychoanalytiker, gemeinsam mit dem Schriftsteller Paul Goodman etwas Neues wagten. Sie waren unzufrieden mit der damaligen Therapielandschaft. Die klassische Psychoanalyse schien ihnen zu kopflastig, zu sehr in der Vergangenheit verhaftet.
Was sie suchten, war eine Therapieform, die den ganzen Menschen einbezieht: Gedanken und Gefühle, aber auch den Körper, die Sinne, das unmittelbare Erleben.
Der Name „Gestalt“ kommt aus der Wahrnehmungspsychologie. Wir Menschen geben dem, was wir wahrnehmen und erleben, aktiv eine Form. Wir ordnen, bewerten, vervollständigen unsere Eindrücke und Erfahrungen. Manchmal bleiben diese Erfahrungen jedoch unabgeschlossen, sogenannte „offene Gestalten“, die uns beschäftigen und blockieren können, bis sie ihren Ausdruck finden und integriert werden dürfen.
Für die Begründer der Gestalttherapie sollte Therapie Entdeckungsreise auf Augenhöhe sein, nicht Belehrung. Damit brachen sie radikal mit der Idee, dass ein Therapeut als allwissender Experte die Probleme seiner Klienten analysiert und erklärt.
Was bedeutet das eigentlich konkret? In der Gestalttherapie sagt Ihnen niemand, was mit Ihnen „nicht stimmt“. Stattdessen werden Sie eingeladen, sich selbst zu erforschen – Ihre Gefühle, Ihre Körperempfindungen, Ihre Beziehungsmuster, die Art und Weise, wie Sie mit anderen Menschen und dem Leben in Kontakt gehen. Im lebendigen Erleben, nicht durch abstrakte Erklärungen.
Die paradoxe Theorie der Veränderung
Zurück zur Paradoxie der Veränderung, denn hier wird es wirklich interessant. Der Gestalttherapie liegt eine Idee zugrunde, die zunächst widersprüchlich klingt:
Veränderung geschieht, wenn jemand wird, was er ist – nicht, wenn er versucht zu werden, was er nicht ist.
Arnold Beisser, ein Schüler von Fritz Perls, formulierte diese „paradoxe Theorie der Veränderung“ so: Solange wir versuchen, uns zu einem Idealbild zu zwingen, halten wir uns selbst im Konflikt gefangen. Aber wenn wir vollständig anerkennen, was gerade ist – auch das Unbequeme, das Schmerzhafte – dann kann natürliches Wachstum entstehen. Dann können sich festgefahrene Muster verändern und unser Inneres kann einen lebendigeren Ausdruck finden.
Stellen Sie sich einen Baum vor: Er wächst nicht, indem er versucht, ein anderer Baum zu sein. Er wächst, indem er vollständig Baum ist – mit seinen Wurzeln in der Erde, offen für das Licht.
Was die Gestalttherapie besonders macht
Das Hier und Jetzt: In der Gestalttherapie geht es nicht primär darum, die Vergangenheit zu analysieren. Es geht darum, was jetzt gerade in Ihnen lebendig ist. Wie fühlt sich Ihr Körper an? Was bewegt Sie in diesem Moment? Die Vergangenheit zeigt sich nämlich auch im Jetzt, in der Gegenwart– und hier können wir mit ihr arbeiten.
Bewusstheit statt Analyse: Es reicht nicht, etwas zu verstehen. Wirkliche Veränderung braucht Erleben. Deshalb wird in der Gestalttherapie auch ausprobiert und experimentiert – mit Körperhaltungen, mit Gefühlen, mit neuen Verhaltensweisen.
Begegnung auf Augenhöhe: Ein Gestalttherapeut ist kein überlegener Experte, der Ihnen sagt, was Sie tun sollen. Er ist ein Begleiter auf Ihrer Entdeckungsreise – persönlich erkennbar, verständnisvoll und engagiert. Die therapeutische Beziehung selbst wird zum heilsamen Raum.
Ganzheitlichkeit: Gedanken, Gefühle, Körper, Beziehungen – alles gehört zusammen und bildet die Gestalt, die Sie ausmacht. Nichts wird ausgeklammert.
Für wen ist die Gestalttherapie geeignet?
Die Gestalttherapie kann besonders hilfreich sein, wenn Sie das Gefühl haben, nicht „richtig bei sich selbst“ zu sein. Wenn Sie Zugang zu Ihren Gefühlen suchen oder finden möchten. Wenn Sie Beziehungsmuster verstehen und verändern wollen. Wenn Sie mehr Lebendigkeit und Präsenz in Ihrem Alltag wünschen. Oder wenn Sie eine Therapie suchen, die Sie als ganzen Menschen sieht.
Gestalttherapie ist keine Schnelllösung und keine Rezeptsammlung. Sie ist ein Prozess des Entdeckens. Manchmal herausfordernd, manchmal erhellend, aber immer lebendig.
Mein Weg zur Gestalttherapie
Für mich persönlich war die Entdeckung der Gestalttherapie wie ein Nachhausekommen. Ich suchte nach einem therapeutischen Ansatz, der Kopf und Herz verbindet. Der Sprache ernst nimmt, aber nicht bei den Worten stehenbleibt und kreative Methoden integriert. In der Ausbildung haben wir vor allem gelernt, erstmal alles in uns wahrzunehmen und da sein zu lassen. Auch das Unbequeme oder noch nicht Verstandene. Indem alles Raum bekam, wurden Muster oder Glaubenssätze bewusster und konnten gewandelt werden. Der Kontakt zum eigenen Inneren und zu anderen Menschen wurde erlebbar, was oftmals sehr berührend war.
Die Gestalttherapie respektiert das Einzigartige jedes Menschen – und vertraut darauf, dass Sie die Antworten auf ihre Fragen bereits in sich tragen.
Neugierig geworden?
Wenn Sie spüren, dass dieser Ansatz zu Ihnen passen könnte, lade ich Sie herzlich zu einem kostenlosen Erstgespräch ein. Unverbindlich und in geschütztem Rahmen können wir herausfinden, ob der Weg der Gestalttherapie für Sie der richtige sein könnte.
Literaturtipps
- Fredrick S. Perls, Ralph F. Hefferline, Paul Goodman: Gestalttherapie
- Erhard Doubrawa: Meine Wildnis ist die Seele des Anderen. Der Weg zur Gestalttherapie. Laura Perls im Gespräch
- Roeck, Bruno Paul: Gras unter meinen Füßen: Eine ungewöhnliche Einführung in die Gestalttherapie