Über die Kraft von Gedichten in Zeiten des Verlustes
Es gibt ein Gedicht von Mary Oliver, das mich durch eine Zeit der Trauer getragen hat. In „Blackwater Woods“ schreibt sie über die vielleicht schwierigste Aufgabe des Lebens: zu lieben in der Gewissheit, dass wir sterblich sind und dass alles vergänglich ist. Wir halten fest so lange wir können und wenn die Zeit gekommen ist, müssen wir loslassen. Und das tut sehr weh.
In jenen Wochen, als der Schmerz groß war, wurde dieses Gedicht für mich zu einem Anker. Jemand hatte genau das gefühlt, was ich nun fühlte. Jemand hatte Worte gefunden für das, wofür ich in meiner Trauer keine hatte. Diese schmerzliche Gegebenheit des Lebens, dass wir alles wieder loslassen müssen, hätte ich nicht besser in Worte fassen können.
Wenn eigene Worte fehlen, können Worte von anderen tragen
Trauer macht oftmals sprachlos. Sie überwältigt uns mit einer Wucht, die alle gewohnten Ausdrucksweisen unbrauchbar erscheinen lässt. „Mir fehlen die Worte“ sagen wir dann, und es stimmt, das Erlebte und Gefühlte lässt sich schwer formulieren.
Aber manchmal finden wir in den Worten anderer einen Halt. Ein Gedicht oder ein Text, vor hundert Jahren geschrieben, drückt genau das aus, was wir empfinden. Ein Satz, der uns zufällig begegnet, trifft mitten ins Herz. In solchen Momenten geschieht etwas Eigentümliches: Wir fühlen uns weniger allein mit unserem Schmerz.
Der berühmte Dichter Rainer Maria Rilke schrieb:
„Wenn etwas uns fortgenommen wird, womit wir tief und wunderbar zusammenhängen, so ist viel von uns selber mit fortgenommen. Gott aber will, dass wir uns wiederfinden, reicher um alles Verlorene und vermehrt um jenen unendlichen Schmerz.“
Als ich diese Zeilen zum ersten Mal las, habe ich sie mir direkt notiert. Ich fühlte mich verstanden. Da war ein Mensch, der Worte fand, der wusste, dass Verlust nicht nur bedeutet, einen geliebten Menschen oder ein geliebtes Tier zu verlieren, sondern auch einen Teil von sich selbst. Und der zugleich eine Ahnung davon hatte, dass in diesem Schmerz Stück für Stück auch etwas in uns wachsen kann. Nicht trotz des Verlustes, sondern durch ihn hindurch.
Die Poesie als stille Begleiterin
Was können Gedichte, das Gespräche manchmal nicht können? Sie urteilen nicht. Sie fordern nichts. Sie sind einfach da, geduldig, und warten, bis wir bereit sind einen Schritt weiterzugehen.
Ein Gedicht lässt sich immer wieder lesen. Bei jedem Lesen entdecken wir etwas Neues, je nachdem, wo wir gerade stehen. Was uns heute tröstet, kann uns morgen herausfordern. Was wir heute nicht verstehen, öffnet sich als Erkenntnis vielleicht in einem Jahr.
Die eigene “Leseapotheke” aufbauen
Über viele Jahre hinweg habe ich mir eine Art Leseapotheke zusammengestellt. Gedichte und Texte für verschiedene Stimmungen, verschiedene Lebenslagen. Manche sind wie ein warmer Tee, wenn die Seele im Inneren friert. Andere sind wie ein Spiegel, der mir zeigt, was ich noch nicht sehen kann. Wieder andere sind wie eine Hand, die mich sanft weiterschiebt, wenn ich feststecke.
Mary Oliver gehört zu meinen wichtigsten Begleiterinnen. Ihre Gedichte über die Natur, über das Staunen, über das Annehmen dessen, was ist. Dazu kommt Rilke mit seiner tiefen Ernsthaftigkeit und seinem Mut, auch das Schwere zu benennen. Ich schätze auch Hesse mit seinem Wissen um die Wandlungen des Lebens, um das Loslassen und Neubeginnen.
Sie alle haben mir in dunklen Zeiten Verständnis und Zuversicht gegeben. Nicht das grelle Licht der schnellen Lösungen, sondern das sanfte Licht einer Kerze, das gerade hell genug ist, um den nächsten Schritt zu sehen.
Schreibend durch die Trauer
Irgendwann begann ich, selbst zu schreiben. Nicht um veröffentlicht zu werden oder um anderen etwas mitzuteilen, sondern um mir selbst mehr Halt zu geben. Um dem Unklaren und Unverarbeiteten in mir eine Form zu verleihen.
Das Schreiben wurde zu meiner Brücke zwischen dem Lesen und dem Leben. Was ich in Gedichten fand, konnte ich im eigenen Schreiben weiterentwickeln, verwandeln, mir zu eigen machen. Die Worte der Dichter wurden zu Samen, aus denen in meinem Inneren eigene Worte wuchsen.
Für mich gehört heute beides zusammen. Das Lesen, das uns nähren und trösten kann. Und das Schreiben, das uns hilft, unsere eigene Stimme zu finden. In der Schreib- und Poesietherapie, so wie ich sie verstehe, ergänzen sich beide Wege.
Eine Einladung
Vielleicht finden auch Sie in belastenden Lebenssituationen ein Gedicht, das Sie trägt. Vielleicht finden Sie Worte, die Sie berühren, und hinterher fühlt sich Ihre Situation ein wenig leichter an. Vielleicht beginnen Sie selbst zu schreiben, tastend, suchend, und entdecken dabei etwas, das Sie noch nicht über sich und das Leben wussten.
Rilke schrieb auch: „Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen, die sich über die Dinge ziehn.“ Vielleicht kann man Trauer als einen solchen Ring ansehen. Einer, der uns größer macht, auch wenn er uns zunächst zu erdrücken scheint. Einer, der uns dem Leben nicht entzieht, sondern uns tiefer hineinführt.
Zum Weiterlesen
- Offizielle Seite von Mary Oliver.
- Link zum Rilke-Forum mit vielen Gedichten.